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14. März 2018

Zeitzeugin DDR zu Gast

Vom „Zettelfalten“ zur freien Wahl. Wahlen in Deutschland in Diktatur und Demokratie

Am vergangenen Dienstag hatte die Klasse 10c der Oberschule Marienschule Cloppenburg gemeinsam mit ihrer Lehrkraft Julia Ginter die Referentin Dr. Annett Laue aus Berlin von der Deutschen Gesellschaft e.V. zu sich in die Schule eingeladen. Diese Gesellschaft, die von der Bundesregierung gefördert wird, bietet kostenlos Seminare und Workshops zur Aufarbeitung der SED-Diktatur an.

Sehr schnell begriffen die Jugendlichen, dass freie Wahlen keine Selbstverständlichkeit sind. Obwohl die DDR-Regierung freie Wahlen propagierte, waren die Wahlen durch Einheitsliste, Fälschung und Manipulation bestimmt. Über 40 Jahre dauerte es, bis ein Parlament in der DDR tatsächlich frei gewählt werden konnte. Die erste und einzige freie Wahl fand am 18. März 1990 mit der Abstimmung zur Volkskammer statt. Zahlreiche DDR-Bürgerinnen und -Bürger hatten jahrzehntelang für dieses Privileg gekämpft und Konsequenzen dafür in Kauf genommen.

Dr. Annett Laue hatte den Vormittag in drei Bereiche unterteilt. Im ersten Abschnitt stellte sie den Jugendlichen die Entstehungsgeschichte und das politische System der DDR vor. Dabei ging sie auch auf die Rolle der Stasi ein. In einem weiteren Schritt erklärte die Referentin für Politik und Geschichte anhand eines Original- Wahlzettels den Wahlablauf und das Zustandekommen der hohen Wahlbeteiligung von 98%. In vier Arbeitsgruppen setzten sich dann die Zehntklässler mit unterschiedlichen Fragestellungen zum Thema auseinander und präsentierten abschließend ihren Mitschülern die Ergebnisse.

Die Jugendlichen, denen die Thematik bereits aus dem Fachunterricht bekannt war, interessierten sich sehr für die Ausführungen und lobten die gute Aufbereitung des Themas seitens der Referentin.

In der dritten Phase kam dann die Zeitzeugin Dagmar Meier-Barkhausen hinzu, die 1944 in Bautzen geboren und in der DDR aufgewachsen war, bis sie Mitte der 1970er Jahre nach einem Fluchtversuch inhaftiert, von der Familie getrennt und schließlich von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft wurde.

Die rüstige Mittsiebzigerin verarbeitete ihre Erlebnisse literarisch und veröffentlichte unter einem Pseudonym ihre Bücher. Ob es die Mitgliedschaft bei den Pionieren oder in der FDJ war, diese Zugehörigkeit konnte sie nicht frei wählen, sondern man musste stolz sein, dazuzugehören, denn ohne die Mitgliedschaft hatte man keine Zukunftsperspektive.

So berichtete sie über die Möglichkeiten des Berufseinstiegs. Ein Politikstudium in Russland oder eine Ausbildung in einer Branche, in der gerade ein Platz frei war, egal ob eine Neigung oder ein Wunsch bestanden. Kritik an der Ideologie bzw. anderes Gedankengut brachten ihr berufliche Nachteile wie z.B. Strafversetzungen ein. Sozialismus, so fuhr die Seniorin fort, bedeutet nichts anderes als die Bereitschaft mitzumachen und „mit den Wölfen zu heulen“. Immer wieder musste sie erfahren, dass überall Spitzel waren und sie ständig beobachtet wurde.

Dagmar Meier-Barkhausen, die heute ihr Zuhause im Ammerland hat,las schließlich aus ihrem Buch „ Gleichheit, Gleichheit über alles“ ein Kapitel vor, wobei sie den Buchtitel als eine Farce bezeichnete. Alles hing vom Elternhaus und der politischen Zugehörigkeit ab. So trug sie das Kapitel „Manuela oder die sozialistische Persönlichkeit“ vor, in dem es um eine Frau geht, deren Schicksal ähnlich dem ihrigen war und die nach acht Jahren Gefängnis in den Westen kam und bis heute an einer psychischen Erkrankung leidet.

Dagmar Meier-Barkhausen sprach dann über ihren eigenen missglückten Fluchtversuch dessen Folgen Haft, Gefängnis und die Zerstörung der Familie nach sich zogen. Über das Leben im Gefängnis sagte sie nur, es fehlten Medikamente, die Hygiene war mangelhaft und Obst, sprich Vitamine, gab es nur selten.

Die Autorin, die selber den Entschluss gefasst hatte, mit ihrem Ehemann und zwei Kindern über die Ostsee nach Dänemark zu fliehen, schilderte die Details von der Festnahme bis zur Entlassung in die Freiheit. Von ihren eigenen Kindern war sie über 1 ½ Jahre getrennt und auch der Neuanfang im „Goldenen Westen“ gestaltete sich schwieriger als erwartet. Die Familie war zerrüttet und das Überangebot an allem überforderte die „Neubürger“ total. Die „Einheimischen“ beäugten sie kritisch und über allem schwebte der Verdacht des „Spions“. Auch politisch wurden sie in eine Ecke geschoben, mit der sie nichts zu tun haben wollten. Andere wiederum nahmen sie auf, halfen Arbeit zu finden und seitens der Kirche gab es eine kleine finanzielle Unterstützung.

Dagmar Meier-Barkhausen hat aber trotz des schweren Neustarts nicht resigniert, sondern sich im Leben durchgeboxt. Heute reist sie als Zeitzeugin zu Schulen, um ihre Biographie mit jungen Menschen zu teilen. Zu Beginn ihrer Tätigkeit, wollte sie ahnungslose Bundesbürger aufklären. Heute ermahnt sie die Jugendlichen, sich nie wieder unterdrücken zu lassen von einer Ideologie, die andere unterdrückt. Mit dem Aufruf „Lebt euren Traum“ beendete die Zeitzeugin ihren Vortrag.

Julia Ginter dankte beiden Referentinnen für die hoch interessanten Ausführungen an diesem Vormittag und wünschte ihnen weiterhin alles Gute. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10c zeigten sich tief beeindruckt und mussten diese Fülle an Informationen erst einmal verarbeiten.